WERNERS EXPAT-CHRONIKEN: HISTORISCHE FALLSTUDIEN
Aus dem literarischen Nachlass von Foren-Urgestein koratwerner (†2012)
Aus dem literarischen Nachlass von Foren-Urgestein koratwerner (†2012)
In dieser exklusiven Archiv-Reihe bereiten wir die zeitlosen Erfahrungsberichte unseres verstorbenen Autors Werner neu auf. Seine Beobachtungen aus den Jahren 2006 bis 2012 sind bis heute der ungeschönte Goldstandard für das Verständnis deutsch-thailändischer Beziehungsdynamiken.
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Gerhard
Ich lernte ihn in auf dem Freundschaftsmarkt in Aranjaprathet bei meinem monatlichen Grenzpfahltrip nach Poipet, der Grenzstadt in Kambodscha kennen, wohin ich solange gefahren bin, bis ich meine Daueraufenthaltsgenehmigung für jeweils 1 Jahr erhalten habe.
Als meine Exfrau mit ihrer Freundin Jay Memm noch auf dem riesengroßen Markt nach Schnäppchen suchen, setzte ich mich in ein Restaurant, um eine Cola zu trinken. Gerhard, sitzt am Nebentisch. Ihm gegenüber sitzt eine junge Thailänderin, mit der sich Gerhard mittels Gestik, Mimik und einigen deutschen Worten versucht zu verständigen. Sie ist taubstumm, sagt er zu mir und weiß doch überhaupt nicht, dass ich seine in Deutsch gesprochenen Worte verstehe. Wir kommen ins Gespräch und ich setzte mich zu dem Pärchen.
Ein armes Dings ist das, meint Gerhard, taubstumm und arbeitet bei ihrer Familie im Reis. Nein, das ist nicht meine Frau, sagt er, als ich ihn danach frage. Ich bin mit meiner Freundin aus Bangkok hier, weil die hier auf dem Markt mit ihrem Geschäftsfreund Textilien aus Kambodscha einkauft um die dann in Bangkok auf einem Markt zu verkaufen. Scheiße ist nur, die hat doch meine 9.000 Baht dabei, die ich für meinen neuen Reisepass brauche. Jetzt ist die mit dem Geld auf dem Markt und kauft wahrscheinlich davon wie ein Weltmeister ein. Dahinten steht ihr Auto und er zeigt auf einen Honda mit Dachgepäckträger, auf dem schon einige Ballen festgezurrt sind.
Immer wenn die Geld von mir in den Fingern hat, kauft sie Klamotten und verscherbelt sie, aber glaubst du, ich hätte schon mal einen Pfennig davon wieder gesehen? Das geht alles für den gemeinsamen Haushalt drauf, sagt sie und pumpt mich wieder an. Jetzt warte ich hier auf sie und dann geht’s zurück nach Bangkok. Und die Frau hier? Ach was, ich unterhalte mich nur etwas mit ihr, versuche es wenigstens, weil sie so alleine hier ist und noch nicht einmal Geld für für ne Cola hat. Aber ein eigenes Haus hat sie, gar nicht weit weg von hier und verheiratet ist sie auch nicht, hat auch keine Kinder. Mensch, die hätte ich früher kennen lernen müssen.
Da meine Exfrau und Jay Memm jetzt kommen und da die angenehme Wärme des Vormittags in eine unangenehme Hitze übergeht, verabschiede ich mich von Gerhard, um wieder die lange Strecke nach Korat zu fahren. Wir wollen uns in 29 Tagen wieder hier in dem Restaurant treffen, denn Gerhard muss auch jeden Monat diese umständliche Auslandsreise hinter sich bringen, die nach spätestens einer Stunde in Kambodscha erledigt ist.
Nach meiner nächsten Grenzpfahlumrundung wartet Gerhard schon auf mich. Bei ihm ist die Taubstumme und strahlt wie ein Honigkuchen. Er wohnt jetzt bei ihr. Mit seiner Freundin aus Bangkok ist es aus und vorbei. Das war nichts. Er wollte sie zwar heiraten oder sie ihn, doch selbst die nette deutsche Dame im Übersetzungsbüro in der Nähe der Deutschen Botschaft hat ihm davon abgeraten. Als die die Papiere der Freundin gesehen hat, hat sie zu Gerhard gesagt, dass man doch so eine Frau nicht heiratet. Die war doch schon viermal mit einem Ausländer verheiratet und immer ist es irgendwie schief gegangen, sie würde ihm raten, die Finger davon zu lassen. Hat Gerhard auch getan und nun hat er eine neue Freundin und strahlt sie verliebt an.
Bei unserem nächsten Treffen strahlt Gerhard etwas weniger. Seine neue Flamme braucht laufend Geld. Ihr Haus ist noch lange nicht bezahlt. Jeden Monat sind die Raten fällig, der Strom muss bezahlt werden, und er soll doch am besten nach Deutschland zurück, dort abwarten, bis seine 93jährige Mutter gestorben ist, sein Erbteil verkaufen und dann wieder zu ihr nach Thailand kommen. Da sie aber nicht mehr im Reis arbeiten kann, weil ihr Rücken kaputt ist, muss er sie allerdings von Deutschland aus unterstützen. So hat ihm das die Schwester seiner neuen Freundin beigebracht, die mit einem reichen Japaner verheiratet ist. Außerdem sind die Reisbauern in der Nachbarschaft sauer, weil seine neue Flamme jetzt nicht mehr bei ihnen für ein Taschengeld arbeiten muss, sondern von seinem Geld lebt.
Einen Monat später ist Seem, die Schwester meiner Exfrau mit von der Party nach Aranjaprathet. Sie gefällt dem lieben Gerhard. Er gefällt ihr auch, denn er ist ja ein Farang. Gerhards Freundin ist sauer, weil Gerhard schon am Vormittag einige Dosen Bier trinkt. Dass Gerhard ein Auge auf Seem geworfen hat, merkt sie nicht.
Seem fährt auch 4 Wochen später wieder mit nach Aranjaprathet. Gerhard ist in ein Hotel gezogen. Jetzt wohnt er für 1.4000 Baht im Monat in einer kleinen Bude. Draußen ist ein schöner Teich, wo Gerhard angeln kann. Wenn er will, kann er sogar seine Angel aus dem Fenster halten. Das ist gut, denn der Weg zum Kühlschrank ist kurz. Im Freien dagegen wird sein Bier immer so schnell warm und Franken wie er, zumal wenn sie aus Nürnberg kommen, mögen kein warmes Bier und schon recht kein Bier mit Eiswürfel, wie das in Thailand üblich ist. Gerhards Taubstumme hockt auch wieder mit am Tisch. Sie will Geld für die Stromrechnung von mir haben, raunt er mir zu. Die Frau gestikuliert, schneidet Grimassen und zeigt auf Gerhards Bierdose. Gerhard raucht nicht und trinken soll er auch nicht. Zu einem Gespräch mit Seem kommt es wieder nicht.
Vier Wochen später läuft wieder das gleiche Spiel mit der Taubstummen ab. Deren jetzt hässlich gewordenen Ausfälle über das Bier tut sie mit verzerrtem Gesicht und wilder Gestik kund. Anscheinend sucht sie bei mir Unterstützung, denn ich trinke immer nur Cola. Ich lasse auf der Heimfahrt Seem über Ket sagen, dass Gerhard Alkoholiker ist und deshalb schon einen geistigen Schaden hat. Er kann Seem weder ihr Haus verputzen, Fliesen Legen und auch nicht auf ihrem Maniokacker etwas mithelfen, denn entweder ist er betrunken oder seine Hände zittern und er hat Schweißausbrüche. Ich bin es halt leid, soll er doch sehen, wo er eine andere Frau kriegt. Seem hat an ihm nichts verloren, nur eine große Hoffnung, doch das geht vorüber. Seem ist nicht hübsch, doch lieb und nett. Gerhard hat seine Chance vertan.
Wir fahren wieder zurück. Als wir die Gegend erreichen, wo sich in der Ferne die Korat Hochebene wie ein Gebirgszug aus der mittelthailändischen Tiefebene erhebt, kaufen wir am Straßenrand noch drei Säcke Holzkohle. Die ist für die Mutter meiner Frau oder Jay Memm bestimmt. Die Holzkohle ist hier besser, als in Korat, denn da ist sie aus Astholz hergestellt, wohingegen sie hier aus richtig dickem Holz gebrannt wird, das wahrscheinlich bei Nacht und Nebel aus einem der nahe liegenden Naturparks geklaut wurde. Außerdem ist die Kohle hier um etwa 150 Bath billiger und Jay Memm kann sie in Korat mit Gewinn weiter verkaufen.