WERNERS EXPAT-CHRONIKEN: HISTORISCHE FALLSTUDIEN
Kapitel 2: Wenn das Beziehungsfundament auf administrative Fiktionen baut
Kapitel 2: Wenn das Beziehungsfundament auf administrative Fiktionen baut
Werner schildert in dieser Episode die tragikomische Geschichte des US-Veteranen Joe. Ein tiefgründiger Blick auf das Phänomen der finanziellen Übersee-Versorgung und die erfinderischen Schutzmechanismen thailändischer Großfamilien.
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Jonathan
Jonathan, genannt Joe. Etwa zur Zeit der kriegerischen Militärpräsenz der USA in Südostasien, kam Joe aus Amerika, um in Thailand die Kinder der hier länger mit ihren Angehörigen stationierten Soldaten der amerikanischen Armee das Lesen und Schreiben zu lehren. Joe war damals bereits 45 und in den Staaten verheiratet. Als einsamer Mann fern der Heimat vermisste er natürlich seine Frau und deshalb passierte es, dass er sich während eines Kurzurlaubs in Pattaya unsterblich in die damals 17 jährige Nün verliebte. Nün, die aus dem Isan stammt, konnte hier als Betreuerin der amerikanischen Soldaten, die hier weit hin-ter den Fronten ihren Etappenurlaub verbrachten, traumhaftes Geld verdienen und daheim in der Nähe von Korat ihre Familie versorgen. Leider war es eines Tages mit dem Traum des großen Geldes vorbei, denn Nün ward schwanger.
Da sie jetzt nicht mehr in ihrem Job arbeiten konnte, suchte sie eine Lösung für die sich abzeichnenden finanziellen Probleme. Nün suchte einen Vater. Da ein nur kurzfristig in Pattaya weilender Frontsoldat ein schlechter Vater war, weil er ja wieder an die Front musste, versetzt werden oder gar fallen konnte, kam außer Joe keiner von ihren vielen Liebschaften für die Vaterschaft in Frage. Joe dagegen war in Sara Buri, etwa 250 km von Pattaya entfernt stationiert und konnte sich nicht dünne machen.
Der verliebte Joe besuchte mehrfach seine Nün und erlebte sehr schöne Tage und noch schönere Nächte mit ihr. Deshalb war ihm die Vaterschaft leicht unterzujubeln und Joe bezahlte. Nach der Geburt von Sa-raphie hatte Joe nicht nur eine Frau und zwei Kinder in Amerika sondern glaubte, auch eine Frau und ein Kind in Thailand zu haben. Als Mormone war ihm das noch nicht einmal sehr unangenehm, konnte er doch mit seinem Gehalt zwei Frauen und ihre Kinder gut über die Runden bringen und moralische Bedenken wegen zwei Frauen brauchte er als Mormone ja auch nicht zu haben.
Joe bezahlte auch später, denn er war und ist sich seiner Verantwortung gegenüber Nün und deren Toch-ter vollauf bewusst. Auch nach Beendigung des Krieges schickte Joe laufend Geld nach Thailand, damit es seiner Tochter und ihrer Mutter an nichts fehlen sollte. Um zu sehen, was aus Nün und vor allen Dingen aus seiner Tochter wurde, kam Joe jedes Jahr einmal zu Besuch nach Thailand und da seine Lieben in sehr dürftigen Verhältnissen wohnten überredete Nün ihn, ein kleines Häuschen zu kaufen. Zumal Joe jetzt Witwer war und in seinem Haus genügend Platz hatte, hätte er ja Nün und sein Töchterchen gerne in die Staaten geholt, doch Nün wollte nicht, denn in so ein fernes Land, wo sie niemanden kannte und so fern von ihrer Familie und Kultur, da wollte sie nicht hin.
Und außerdem sollte auch ihre Tochter besser in ihrer Heimat bleiben und thailändisch erzogen werden. Jo ward einverstanden, denn er hatte ja drüben seine Kinder und wenn er jedes Jahr für einige Wochen hier her kam, konnte seine Nün ihm zumindest während seines Urlaubs das geben, was er Zuhause nicht mehr bekam. Also griff Joe in die Brieftasche und legte die Anzahlung für ein Häuschen auf die Matte der Hütte, den einen Tisch gab es dort nicht. Joe war das ja auch gar nicht so unrecht, denn zukünftig brauchte er bei seinen Besuchen mit Nün nicht mehr im Hotel zu schlafen, weil doch ein Häuschen da war. Von jetzt an zahlte Joe nicht nur für den Unterhalt von Nün und Tochter, sondern auch die Raten für die monatlichen Hypotheken, über alles so an die 250 Dollar im Monat.
Nün war es recht so. Doch weil sie später 15 km vom Häuschen entfernt eine Arbeitsstelle, angeblich mit einer kleinen, sogar kostenlosen Wohnung bekam und da Saraphie ihre Ausbildung schmiss und 17 jährig nach Bangkok heiratete, stand das Haus leer. Deshalb zog ihre Mutter Jay Memm dort ein, um nach dem Rechten zu sehen.
Nün, der es jetzt so ging, wie seinerzeit dem einsamen Joe wohnte jetzt mit einem nachts recht aktiven Thaimann zusammen, heiratete auch Ihn mit einer buddhistischem Zeremonie und alle waren zufrieden. Sie hätte ja den Thaimann ja auch mit in ihr Häuschen nehmen können, doch das ging nicht. Wenn da nur nicht die Nachbarn gewesen währen. Die hätten Joe doch sicher bei seinem nächsten Besuch von ihrem Doppelleben erzählt und ob dann noch seine Dollar für Unterhalt und Hypothekentilgung geschickt hätte, war doch sehr fraglich.
Jay Memm, eine sehr bescheidenen Frau, bewohnt also nun das Haus und da sie nach traditionellem Thaistiel lebt, verzichtet sie auf die Möbel, die Joe auch bezahlt hat, sitzt, schläft und lebt sozusagen auf der Matte, wie das bei den einfachen Thais üblich ist und gekocht wird luxuriös auf einem kleinen Gasofen. Eigentlich brauchte die Mutter ja nicht so armselig zu leben, denn sie erhält von Joe jeden Monat auch etwas Geld für ihren Lebensunterhalt. Doch eine gute Mutter sorgt für ihre Kinder. Da ihr Sohn auch an den amerikanischen Segnungen teilhaben soll, hat Mama ihm von diesem Geld Land gekauft. Jetzt hat der Sohnemann auch etwas und Jay Memm überweist noch etwa zwei Jahre lang jeden Monat das Geld, welches sie vom lieben Joe erhält, an die Bank, die das Land des Sohnes finanziert hat.
Aber was ist, wenn Joe zu Besuch kommt? Nün hat auch dafür eine Lösung. Zwei Tage vor Joes Ankunft räumt sie die gemeinsame Wohnung, die sie mit ihrem Liebhaber teilt und lässt in der Nacht Wohnzimmer, mit Fernseher, Schlafzimmer und Kücheneinrichtung zur Mama bringen, bei der Joe bei seiner Ankunft die komplette Wohnungseinrichtung vorfindet, die er ja auch schließlich bezahlt hat. Einen Tag nach Joes Abreise kommt dann der LKW wieder in der Dunkelheit vorgefahren, alle Möbel werden schnellstens aufgeladen und dahin gebracht, wo sie sonst stehen und zur Tages- und Nachtzeit gebraucht werden. Joe indessen sitzt wieder in Amerika und träumt von seiner Liebsten und dem schönen Häuschen in Thailand.
An und für sich ist diese Angelegenheit der Abzocke eines Farang ja gut ein gehütetes Familiengeheimnis. Doch bei Joes letzten Besuch ist das ehrbare Verhalten seiner Thaifamilie ein klein wenig ans Licht gekommen. Das kam so. Joe, der jetzt nicht mehr der Jüngste ist und zwei schwere Operationen hinter sich hat, ist nicht mehr so ganz auf der Höhe und verbringt seine Zeit lieber im Haus vor dem Fernseher, als mit Nün irgendetwas zu unternehmen. Da er während seines Aufenthalts Geburtstag hat, ist das für die Familie ein willkommener Anlass zu feiern. In Thailand bedeutet das, dass der gesamte Clan erscheint und da Joe natürlich alles bezahlt, kommen im laufe des Abends so an die 40 Gäste, die sich untereinander unterhalten, essen, trinken und fröhlich sind.
Damit Joe nun nicht so alleine abseits auf seiner Bank sitzt, während die Gäste auf den Sitzmatten hocken, werden Farang Hans mit seiner Frau und ich, ebenfalls mit Frau, auch zu diesem Fest eingeladen. Joe freut sich, denn jetzt kann er sich auch etwas unterhalten. Hans und ich sind früh da, doch unsere Frauen noch früher. Sie helfen bei den Vorbereitungen, schnippeln Gemüse, kochen Suppe, füllen Schälchen mit Soßen und weiß der Kuckuck, was sie sonst noch alles fabrizieren.
Während dessen wir uns mit Joe unterhalten, kommen die ersten Gäste, übersehen das Geburtstagskind und uns andere Farang beflissentlich und hocken sich unter dem Vordach auf eine Matte. Ein junger Mann eilt ins Haus, holt Getränke und verteilt sie, vergisst aber ganz, uns auch etwas abzugeben. Nach und nach kommen weitere Gäste, von denen uns einige sogar mit einem Wai begrüßen uns dann aber nicht weiter zur Kenntnis nehmen. Weitere Gäste erscheinen, weitere Sitzmatten werden ausgelegt und weil es etwas eng wird, werden wir etwas vorwurfsvoll angesehen, vermutlich weil wir drei Fremden uns anmaßen so viel Platz mit unseren Tisch und Stühlen zu beanspruchen.
Inmitten der auf den Sitzmatten hockenden Gäste stehen jetzt zwei Tontöpfe in denen Holzkohle glimmt, so dass man darauf auf einem Rost Fleisch grillen kann. Reis und all die schönen Sachen werden aufgefahren und das Schmatzen beginnt. Nün bemerkt, dass Joe etwas ungehalten ist und versorgt uns mit reichlich Bier, holt mir sogar Zigaretten und bringt uns in Plastikschüsseln eine für mich beinahe genießbare Suppe.
Hans, der ein kleiner Filou ist, bemerkt wohl, dass Joe etwas verstimmt ist, zumal bereits nach einer Stunde sein Biervorrat in durstige Thaikehlen verschwunden ist und ein Pick-Up schon zum zweiten mal zum Kiosk fährt um Nachschub zu holen. Hans fragt also den lieben Joe, ob er das alles bezahlen muss und was die Thai ihm denn zum Geburtstag geschenkt haben. Joe kriegt einen dicken Hals und sagt, dass die Thai ja alle arm sind und ihm nichts schenken können und bezahlen muss er auch alles, ansonsten dürfte er aber nichts.
Hans hat ihn jetzt da, wo er ihn hinhaben wollte und fragt Joe mit harmloser Mine, wo und wie er denn seine Nün kennen gelernt hat, wer denn das Haus bezahlt hat und was er in Amerika so treibt. Joe erzählt, redet sich seinen Ärger von der Seele, raucht nervös wie ein Schlot und kippt sich ein Bier nach dem anderen herunter. Sicher ist er froh, mal mit jemanden außerhalb der Familie über seinen Ärger sprechen zu können, ohne eine der empfindlichen Thaiseelen zu beleidigen. In drei Tagen fährt er wieder, meint er und er freut sich, sagt er dann noch.
In den nächsten drei Tagen wird Joe nicht mehr nüchtern. Am nächsten Tag wird im kleineren Familienkreis der gelungene Geburtstag noch einmal gefeiert und an den folgenden zwei Tagen der bevorstehende Abschied. Joe hat ja Geld. Ja, und die Geschichte mit den Möbeln und dem Mann, der während Joes Anwesenheit ohne Nün alleine auf der Matte schlafen muss, die hat die Frau von Hans in den nächsten Tagen von den Nachbarn erfahren, die anscheinend doch mehr wissen, als sie wissen sollen. Joe meint, sein Leben ginge bald zu ende und da er schon so viele Jahre an seine brave Nün glaubt, will ihm auch niemand seinen Glauben nehmen und ihm das Leben noch schwer machen.