Mitten in Deutschland?

Erlebnisberichte zur Wissensbereicherung, Anekdoten oder auch fiktive Geschichten zur Unterhaltung posten. Wie das Leben in Korat, dem Isaan und Thailand spielt.
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dogmai
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Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon dogmai » Di Mai 27, 2025 3:34 am

Ich behaupte von mir, nicht einem Mainstream zu folgen, was immer auch Mainstream zu bedeuten hat. Weil ich am Wochenende in Hamburg war, genau dort, wo eine Stunde später auf Bahnsteig 13/14 etwas Schreckliches geschah, fiel mir dieser Artikel ins Auge, und ich poste hier den gesamten Text.

Die Guten und die Bösen

Statt an die Opfer zu denken, wird nach Attentaten zu allererst die ethnische Herkunft diskutiert. Die rassistische Debatte kategorisiert nicht nur Täter:innen, sondern sogar Hel­d:in­nen ein.

Der somalische Geflüchtete Ahmed Mohamed Odowaa hielt den afghanischen Attentäter auf, der im Februar in Aschaffenburg zwei Menschen tötete, darunter ein Kleinkind. Der pakistanische Taxifahrer A. Muhammad aus Mannheim stoppte den deutschen Attentäter, der Anfang März zwei Menschen tötete und elf Verletzte. Der syrische Geflüchtete Muhammad Al Muhammad hielt am Freitagabend die deutsche Attentäterin auf, die am Hamburger Hauptbahnhof mit einem Messer 18 Menschen verletzte, vier von ihnen lebensgefährlich.

In Deutschland hat sich ein grausames Ritual eingeschlichen. Wenn Eilmeldungen eines Attentats auf dem Handydisplay erscheinen, denken nicht alle gemeinsam an die Opfer. An die Menschen, die verletzt, traumatisiert oder gar getötet wurden. Stattdessen beschäftigen wir uns mit der Frage: Welche Ethnien haben die Beteiligten? Wer ist Held, wer ist Täter, wer ist Opfer?

Die dümmste Erzählung der Menschheitsgeschichte

Die deutsche Gesellschaft ist in einem desolaten Zustand. Menschen glauben, dass die ethnische Herkunft – die „Rasse“ – etwas darüber aussagt, ob ein Mensch „gut“ oder „schlecht“ sei. Es ist die wohl dümmste und am besten widerlegte Erzählung der Menschheitsgeschichte. Leider auch eine der grausamsten.

Und so ist es verständlich, wenn nun die Geschichte von Muhammad Al Muhammad erzählt wird. Als am frühen Freitagabend eine 39-jährige Frau am vollen Hamburger Hauptbahnhof anfing, wahllos um sich zu stechen, ging der 19-jährige Syrer dazwischen und hielt die Attentäterin möglicherweise davon ab, noch mehr Menschen zu verletzen oder gar zu töten.

Al Muhammad sagte gegenüber dem Spiegel, dass viele Menschen plötzlich in eine Richtung gerannt seien, er aber nicht. „Ich habe mich entschieden, in die andere Richtung zu rennen und die Frau zu stoppen.“ Ein Tschetschene hat ihr ins Knie getreten, Muhammad warf sich auf sie, bis die Polizei die Frau festnehmen konnte. Von einem politischen Motiv wird nicht ausgegangen, die mutmaßliche Täterin habe sich wohl in einem psychischen Ausnahmezustand befunden.

Man ist verleitet zu sagen: Seht ihr? Ein Araber – er heißt auch noch Muhammad – ist ein Held! Kein Messer-Attentäter, kein Terrorist – er hat Menschen gerettet! Hat er das getan, weil er Syrer ist? Nein! Er hat es vermutlich getan, weil er gelernt hat, in einer Krise gefasst zu reagieren, weil er Mitgefühl in seinem Herzen trägt, weil er mutig ist.

Die Spaltung nutzt den Rechtsextremen

Aber die politische und öffentliche Debatte trieft inzwischen so sehr von rassistischer Toxizität, verbreitet durch eine rechtsextreme Partei und deren Influencern in Medien und sozialen Medien, aber auch von demokratischen politischen und medialen Akteur:innen, dass es notwendig ist, die Geschichte von Muhammad Al Muhammad zu erzählen.

Medien berichten nachgewiesenermaßen unverhältnismäßig oft von ausländischen Tatverdächtigen, Po­li­ti­ke­r:in­nen nutzen Spaltung und Polarisierung als Machtinstrumente. Platz für ganz alltägliche Geschichten von eingewanderten Menschen gibt es dazwischen nicht.

Eine Gesellschaft, die sich spalten lässt in „gut“ und „böse“ und in „ausländisch“ und „deutsch“, gerät in einen gefährlichen Strudel. Sie ist leichte Beute für autoritäre Kräfte, die eine verzerrte, gelogene Realität erzeugen. Menschen können „gut“ und „schlecht“ sein, egal, wo sie herstammen. Auf welcher Seite hingegen die stehen, die anderes behaupten, das scheint klar zu sein.


Quelle
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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon thai.fun » Mi Mai 28, 2025 4:08 am

dogmai hat geschrieben:Ich behaupte von mir, nicht einem Mainstream zu folgen, ...
... dass glaub ich Dir, weil ich glaube dich zu kennen. So wie du mich auch.
Danke für den Text. Der zeigt auch unsere gemeinsame denke!?

Ich war 2021 auch in Hamburg Bild, und hab auch sofort daran gedacht als ich von der Frau las. ...


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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon erwin » So Jun 01, 2025 12:33 am

Was mich betrifft :
Ich fühle mich in Deutschlands Städten nicht mehr wohl und nicht mehr sicher ........ seit geraumer Zeit schon.

"Auf dem Dorf" ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung -
insgesamt jedoch, entwickelt sich meine alte Heimat in das Negative, in nahezu alle Bereichen.

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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon thai.fun » So Jun 01, 2025 4:34 am

erwin hat geschrieben:Was mich betrifft :
Ich fühle mich in Deutschlands Städten nicht mehr wohl und nicht mehr sicher ........


Das beste Land der Welt jammert sich seine Sargnägel selbst herbei. Am Maschendrahtzaun entstehen die Gesetzesfluten, so wie der Flügelschlag eines Schmetterlings in Thailand einen Sturm in der USA herbeiführt.
Dann jammern sie über zu viele Bürokratie und Gesetze!? Sie hinterfragen die Diversität jeden einzelnen Individuums, um dann Diversitäten zu in·di·vi·du·a·li·sie·ren und dann Gleich-zurichten. Z.B. Ausländer ... Nur der D-Farang mit Thai-Frau wird ausgenommen, oder ist es umgekehrt!? :mrgreen:
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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon dogmai » So Jun 08, 2025 5:33 pm

@erwin

Lieber Erwin, woher stammt dieses Gefühl? Ich habe bisher noch nie woanders gelebt als hier in Deutschland. Und ich fühle mich absolut sicher. Woher könnte ein Unsicherheitsgefühl kommen? Als ich im heiratsfähigen Alter war, so um die 1965 herum, war ich bei der Bundeswehr. Wir hatten ein Feindbild, das war alles, was aus dem Osten kam: DDR, Sowjetunion, Ungarn, Polen usw. Aber in unserer Heimat fühlten wir uns sicher.

Bis in die 80er Jahre lebten wir im Kalten Krieg. Das war Gefahr aus allen Richtungen, aber in unserer Heimat fühlten wir uns sicher. Auch die spätere politische Entwicklung in der Welt konnte unser Sicherheitsgefühl nicht schmälern.

Und dann entstand 1989 das Web als Projekt an der Forschungseinrichtung CERN, in der Nähe von Genf auf schweizerischem und französischem Gebiet liegend. Die Entwicklung ist noch in Erinnerung? Nachrichten wurden ausgetauscht. Später kamen tragbare Telefone, später tragbare webtaugliche Smartphones, in Folge dessen entstanden Medien, die manchmal als sozial, manchmal als assozial bezeichnet werden. Jedermann konnte plötzlich Nachrichten empfangen und noch schlimmer auch Nachrichten senden. Dass Menschen lügen ist seit Adam & Eva bekannt, jetzt aber konnten sie es, ohne erkannt zu werden. Und nicht nur die Menschen, sondern auch die Nachrichtenmedien begannen zu lügen. Nicht alle, nur eine bestimmte Spezies, genau wie bei dern Menschen. Fiel irgendwo in China ein Sack Reis um, wurde darüber berichtet und dazu gelogen, daß ein Kind unter dem Sack Reis starb oder zumindest verletzt wurde.

Subjektiv findet ständig ein Gemetzel in unserem Land statt, objektiv gibt es Straftaten wie seit hunderten von Jahren. Wer da nicht genau hinschaut, fühlt sich ob der angeblichen Gewalttätigkeit unsicher, und das, obwohl er vielleicht noch nie näher als 1 km an einem Ort einer Straftat war.

Ich war 1 Stunde vor der Messerattacke einer offensichtlich geistig verwirrten Frau auf Gleis 13 am Hamburger Hauptbahnhof. Am nächsten Tag fuhr ich wieder von dort mit der Bahn, auf der Strße über dem Tatort standen immer noch Kameras mit Aufnahmeteams. Was hatten die noch zu berichten? Einfach nur die Messerattacke weiter ausschlachten, und so geht es mit jeder Gewalttat. In den assozialen Medien wird sofort eine Wertung vorgenommen, obwohl noch nichts weiter bekannt ist als die Tat selbst. Nicht wer der Täter ist, noch wer das Opfer ist weiß man. aber man schreibt was.

Kann es nicht auch daran liegen, dass man sich unsicher fühlt? Jeder weiß irgendwas, nur genaues weiß man nicht.

Ich fühle mich in Deutschland wohl, ich fühle mich sicher. In Thailand nicht immer.
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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon KoratCat » So Jun 08, 2025 6:49 pm

erwin hat geschrieben:Ich fühle mich in Deutschlands Städten nicht mehr wohl und nicht mehr sicher ........ seit geraumer Zeit schon.

"Auf dem Dorf" ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung -


Hallo erwin,

ich fühle mich in den Städten (nicht nur in Deutschlands Großstädten!) auch nicht mehr wohl, aber das liegt nicht daran, dass die allgemein gefährlicher geworden seien oder von mir so wahrgenommen würden. Vielmehr bin ich mit dem Alter ruhiger, weniger risikofreudig, weniger abenteuerlustig, geworden und fühle mich deshalb von den Reizen der Großstadt eher überfordert. In jungen Jahren war es genau umgekehrt: Dorfleben war zu langweilig. Und in Ordnung war es schon gar nicht. Dort hat man das Geschwätz und die Intrigen (die nachbarlichen Kleinkriege) viel deutlicher wahrgenommen als in der Anonymität einer Großstadt.

Mit anderen Worten: ich habe mich geändert. Hinzu kommt noch die Reizüberflutung durch die Medien, wie Kurt sie beschrieben hat.

Und in der heutigen Hektik der Städte reagieren manche Menschen panisch und verletzten andere. So sehe ich die Messerangriffe! Die sind ausgerastet, weil sie überfordert, reizüberflutet, waren.

Ein gutes Beispiel ist der in den 1960ern populär gewesene Song "Downtown" von Petula Clark. Da wurden die Städte noch als Heilsbringer gepriesen.

LG

Klaus

Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es! Erich Kästner, 1899 - 1974

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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon dogmai » So Jun 08, 2025 11:11 pm

Der gehörte einmal zu meinen Lieblingssongs :spin . Aber damals war mir der deutliche Akzent von Petula Clark nie aufgefallen
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Re: Mitten in Deutschland?

Ungelesener Beitragvon thai.fun » Di Jun 10, 2025 3:49 am

KoratCat hat geschrieben:Vielmehr bin ich mit dem Alter ruhiger, weniger risikofreudig, weniger abenteuerlustig, ...
Mit anderen Worten: ich habe mich geändert. ...


Bei mir selber ist es auch je länger je mehr der Umkehr Trend. Je älter, je mehr sehe ich den Nutzen für die Menschheit im Werte-Konsumrausch nicht mehr. Werte bekommen einen anderen Sinn. In nachstehenden Link fand ich die Antwort warum bei Älteren dies so ist. Ich war ja einer der sich für alles interessierte und meist auch mal mit machte was die Digitale Technik hergab. Aber die Summen an unsäglichem in meinem Kopf was die Welt und eben auch die Digitale hergegeben hat, ist am überschwappen! Umgekehrt aber liebe ich meine Schweiz immer mehr! :wave
Ich bin sicher, nicht nur Alt-werdende erfahren das so. Auch die Jungen werden bald einmal gezwungen im "überschwappenden" zu schwimmen. Sie z. B. zweiten Link.

Positive Wahr'nehmungen. ...
https://www.srf.ch/news/schweiz/neue-st ... smartphone

Negative Wahr'nehmungen. ...
https://www.n-tv.de/panorama/BKA-geling ... 87857.html
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